„Woyzeck“ und Gießen

Brustbild von Johann Bernhard Wilbrand.
Bildarchiv der Universitätsbibliothek Gießen. Signatur HR A 1964 c

Obwohl Georg Büchner das Gießener Umland in einem seiner Briefe als eine „hohe Mittelmäßigkeit“ beschreibt, scheint ein Bezug zu Büchners literarischer Arbeit und Gießen zu bestehen. 

Georg Büchner verließ im Juli 1833 Straßburg und immatrikulierte sich im Oktober 1833 an der Landesuniversität Gießen, um pflichtgemäß nach landesherrlichem Gesetz seine vier letzten Semester Medizin fortzusetzen. Dieser gesetzliche Zwang, die Sehnsucht nach der Verlobten Wilhemine Jaeglé und die Verbundenheit zu Straßburg, machten es für Büchner nicht einfach, in Gießen zu studieren und zu leben. Er wohnte als einziger studentischer Untermieter bei dem Kaufmann Karl Hof(f)mann. Sein Zimmer befand sich im Seltersweg. Büchners Studienbeginn zum Wintersemester 1833/34 wurde durch die Verhaftung seines ehemaligen Mitschülers Karl Stamm überschattet. Grund für dessen Verhaftung war der Verdacht der Mitwisserschaft um die Vorbereitung zum Frankfurter Wachensturm im April 1833. 

Sowohl die Literaturwissenschaftlerin Ariane Martin als auch der Historiker Manfred Wenzel verweisen auf die universitäre Einflüsse Gießens in Büchners Woyzeck

Während des Wintersemesters 1833/34 könnte Büchner bei Professor Johann Bernhard Wilbrand eine Anatomievorlesung besucht, oder aber Berichte hierüber durch seine Kommilitonen erhalten haben. Demnach ließ Wilbrand seinen eigenen Sohn in der Vorlesung mit den Ohren wackeln. Diese erniedrigende Demonstration hat Büchner möglicherweise in sein Stück Woyzeck mit einfließen lassen. 

Inwiefern auch Liebig in Woyzeck Eingang fand, lässt sich hingegen nicht eindeutig feststellen. Die Erbsenexperimente, mit denen Woyzeck traktiert wird, lassen sich nicht auf Liebig zurückführen. Wenzel weist darauf hin, dass Liebig erst 1837 mit seinen ernährungsphysiologischen Experimenten begonnen habe, Büchner diese also nicht kennen konnte. Dennoch kann die Degradierung des Menschen zum experimentellen Objekt, wie sie im Woyzeck dargestellt wird, auch als zeitgenössische literarische Kritik an medizinischen Versuchen in den 1830er Jahren verstanden werden.

Im Woyzeck hält der Professor einen öffentlichen Vortrag vor Studenten. Auch Woyzeck und der Doktor sind anwesend. Die Aufmerksamkeit richtet sich zunehmen auf Woyzeck, der schließlich durch die Rede des Doktors zm Anschauungsobjekt degradiert wird:

Der Hof des PROFESSORS. STUDENTEN unten, der PROFESSOR am Dachfenster. […] DOCTOR: […] sehen Sie, der Mensch, seit einem Vierteljahr ißt er nichts als Erbsen, bemerken Sie die Wirrung, fühlen Sie einmal was ein ungleicher Puls, da und die Augen.

WOYZECK: Herr Doktor, es wird mir dunkel. (Er setzt sich.) 

DOCTOR: Courage Woyzeck noch ein paar Tage, und dann ist’s fertig, fühlen sie meine Herren fühlen sie, (sie betasten ihm Schläfe, Puls und Busen) à propos, Woyzeck, beweg den Herren doch einmal die Ohren, ich hab‘ es Ihnen schon zeigen wollen, Zwei Muskeln sind bei ihm thätig. Allons, frisch! 

Woyzeck: Ach Herr Doktor!

DOCTOR: Bestie, soll ich dir die Ohren bewegen; willst du’s machen wie die Katze? So, meine Herrn, das sind so Uebergänge zum Esel, häufig auch die Folge weiblicher Erziehung und die Muttersprach, Wie viel Haare hat dir die Mutter zum Andenken schon ausgerissen aus Zärtlichkeit. Sie sind dir ja ganz dünn geworden, seit ein Paar Tagen. Ja, die Erbsen, meiner Herren!

Georg Büchner: Sämtliche Werke und Briefe. Hrsg. v. Ariane Martin. Stuttgart: Reclam 2012, S. 254f.

Carl Vogts Bericht

Der Glanzpunkt dieser anatomischen Vorlesung [von Wilbrand] war die Demonstration der Ohrmuskeln. Der Sohn, der die Ohren brillant bewegen konnte, mußte dann erscheinen und man erzählte, daß die Scene in folgender Weise sich abspielte. Nach der Beschreibung der Ohrmukseln sagte der Professor: „Diese Muskeln sind beim Mns-ken obsolet geworden. Der Mens-ken kann die Ohren nicht bewegen, das können nur die Affken Jolios, machs’s mal!“ Der unglückliche Jolios mußte dann aufstehen und mit den Ohren wedeln.

Vgl. Vogt, Carl: Aus meinem Leben. Erinnerungen und Rückblicke. – In: Wenzel, Martin: Die Medizinische Fakultät der Universität Gießen: Institutionen, Akteure und Ereignisse von der Gründung bis ins 20. Jahrhundert, S. 175. 

Literaturverzeichnis

Beese, Marianne: Georg Büchner. Leipzig: Bibliographisches Institut 1983.

Haaser, Rolf: Literarische Kultur: das 19. Jahrhundert. – In: Braake, Ludwig und Heinrich Brinkmann (Hrsg.): 800 Jahre Gießener Geschichte 1197-1997. Gießen: Brühl: 1997, S. 512-539.

Martin, Ariane: Georg Büchner. Stuttgart: Reclam 2007.

Vogt, Carl: Aus meinem Leben. Erinnerungen und Rückblicke. Hrsg. v. Eva-Amarie Felschow. Gießen: Ferber 1997. [Stuttgart 1896]

Wenzel, Manfred: Georg Büchner als Medizinstudent an der Gießener Universität. – In: Enke, Ulrike (Hrsg.): Die Medizinische Fakultät an der Universität Gießen: Institutionen, Akteure und Ereignisse von der Gründung 1607 bis ins 20. Jahrhundert. Stuttgart: Franz Steiner 2007, S. 169-177. 

Georg-Büchner-Portal, Artikel: Johann Bernhard Wilbrand: http://buechnerportal.de/dokumente/personen/johann-bernhard-wilbrand/ (Stand: 16.09.2019)